Das süße Gift des Relativismus ist tiefer eingedrungen als vermutet. Wer genau hinschaut, muss erkennen: Es herrschen perfide Wahrheitsphobie und Intoleranz im Namen einer entleerten Aufklärung und einer missbrauchten Gleichberechtigung. Auch Christen sind vom mentalen Anti-Immun-Virus infiziert. Ein Zwischenruf wider die moderne Christenverfolgung und die Zerstörung des christlichen Menschenbildes.

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Der Artikel ist im VATICAN magazin 8-9/2013 erschienen.

Kindern Leben schenken

Heute ist der Weltkindertag: Ein Grund, sich mit den Heranwachsenden zu freuen, aber auch ein Anlass, sich noch mehr für sie einzusetzen.

Von Martin Lohmann

Man könnte sie beneiden – die Kinder, die heute in der Mitte Europas aufwachsen. Man könnte. Denn sie haben eigentlich alles: Frieden, Klamotten, Freizeit- und Reisemöglichkeiten, von denen Eltern und Großeltern nur träumen konnten, soziale Netzwerke, mit denen sie überall und schnell dabei sein können, leistungsfähige Kommunikationswerkzeuge, Musik zum Mitnehmen, Aufmerksamkeit, Freiheiten und Betreuung. Eigentlich geht es ihnen nur gut. Eigentlich. Denn der schöne Schein hat Flecken. Hässliche Flecken, die das glitzernde Scheinbild ganz schön beschädigen – und es bei genauerem Hinsehen als gar nicht so wundervoll entlarven. Am Tag des Kindes, wo es wieder garantiert schöne und schwungvolle Reden geben wird und sich so mancher Politiker geradezu überschlägt mit netten Versprechungen, die sich meist als kecke Versprecher entpuppen, könnte man ja mal einen unbestechlichen Blick wagen – auf das, was wirklich ist. Und auf das, was wirklich sein sollte. Vorsicht: „politisch korrekt“ ist so etwas nicht. Korrekt aber schon.

Durch eine neuerliche Studie der UNICEF wissen wir, dass es den Kindern zwar oberflächlich gesehen ganz gut geht. Aber sie sind vor allem in Deutschland reichlich unglücklich. Und das, obwohl sich zeigt, dass vieles besser ist als früher. Zum Beispiel, dass die Jugendarbeitslosigkeit im internationalen Vergleich niedrig ist. Allein ein Blick Richtung Spanien macht das deutlich. Es gibt auch für junge Menschen mehr Friedlichkeit als anderswo, also weniger Verwicklung in körperliche Auseinandersetzungen. Und weniger geraucht wird ohnehin von Kindern und Jugendlichen als einst und woanders. Das Bildungssystem lässt sich loben und zeigt, dass man aus den PISA-Pannen vergangener Zeiten gelernt zu haben scheint.

Und doch: Sie fühlen sich nicht wohl, viele Kinder sehen sich unter Druck gesetzt, sind eben nicht so glücklich, wie sie eigentlich sein könnten – oder sollen. „Zahlen gut, alles gut also? Lässt sich das Wohlbefinden von Mädchen und Jungen wirklich daran festmachen, wie gut ihr kluger Kopf mit Rechenaufgaben umgeht und wie sehr sie dem Leistungsdruck der jüngeren Erwachsenenjahre, pardon: der Kindheit, standhalten?“ So fragte eine deutsche Tageszeitung. Zu Recht. Denn es scheint noch mehr zu geben als formale Kriterien, was zu einem wirklich belastbaren Kindeswohl gehört. Da klafft eine Lücke zwischen den „objektiven“ Zahlen, wonach es Kinder in Deutschland gut haben im Blick auf materielle Armut, Gesundheit, Bildung und Umwelt, und dem subjektiven Empfinden derselben Kinder, die im Vergleich zu Kindern in anderen Ländern überraschend unglücklich sind. Hier ist Platz 22 – von vorhandenen 29 Plätzen insgesamt – alles andere als ein Erfolg. Als kinderfreundlich empfinden viele Kinder unsere deutsche Gesellschaft jedenfalls nicht.

Ist sie auch nicht wirklich. Denn in ihr ist vieles verplant, in ihr wird nicht wirklich vornehmlich vom Kindeswohl aus gedacht, wird eher ein kleiner Mensch zum Objekt der Betreuung degradiert denn als Subjekt der Persönlichkeitsentfaltung erkannt. Glück, wonach sich vor allem Kinder sehnen, lässt sich nicht einmal in Schulnoten ablesen. Glück will mehr als staatliche Planung und parteipolitische Verplanung. Glück will keine ideologische Konzeption und Neudefinition des Menschen als Gender-Masse. Glück will nicht den Menschen als Einheit aus Körper, Geist und Seele verkürzt wissen auf möglichst passgenaue Bausteine im Mentallabor des neuen Turmbaus zu Babylon. Glück will vielmehr: Seele, Zeit, Entfaltung, Anerkennung, Wertschätzung, Zufriedenheit, Zutrauen, Verlässlichkeit, Treue und Angenommensein. Glück braucht den Raum echter Humanität. Glück braucht das erlebte Empfinden einer Wahrheit wie: Es ist gut, dass du da bist. Und: Ich bin gerne für dich da.

Glück braucht die Ahnung der Wirklichkeit, die sich nicht nur für Kinder erschließt in der erfahrbaren Erkenntnis: Ich bin geliebt um meiner selbst willen. Weil es mich gibt. Weil ich gewollt bin. Weil ich zu Großem berufen bin. Weil ich eine Persönlichkeit bin. „Es wird immer etwas geben, das dringlicher erscheint als der Schutz des kindlichen Wohlbefindens. Aber es wird nie etwas Wichtigeres geben.“ Das sagt knapp und klar der Autor der UNICEF-Untersuchung. Wohl wahr. Punkt.

Wenn es stimmt, was Neil Postman einmal sagte, nämlich dass Kinder „die lebenden Botschaften, die wir einer Zeit übermitteln, an der wir selbst nicht mehr teilhaben werden“ sind, dann stellt sich die Frage, warum wir so wenig dafür tun, diese „Botschaften“ zu polieren, in sie zu investieren. Man kann sich nach wie vor des Eindrucks nicht erwehren, dass Kinder letztlich eher als Minder- denn als Mehrwert verstanden werden. Und von einer Familienpolitik, die Maß nimmt am Kindeswohl, kann man auch nach Jahren entsprechender Diskussion nur träumen. Denn diese so genannte Familienpolitik nimmt nach wie vor zuallererst Maß an der Wirtschaft und ordnet sich bei ehrlicher Betrachtung dem Diktat der Industrie mehr oder weniger willenlos unter. Der Anspruch der Menschlichkeit hat da nur einen störenden Charakter.

Wir erinnern uns: Gerade jungen Menschen ist Familie nach wie vor viel wert. Untersuchungen zeigen seit Jahren, dass die Sehnsüchte der jungen Menschen stets dieselben bleiben – und stets von der Politik übersehen werden. Ehe und Familie gehören zu diesen Sehnsüchten ebenso wie Treue und erfüllte Liebe. Doch später, wenn es darum geht, die eigenen Lebensplanungen und Lebenswünsche ins konkrete Leben umzusetzen, klappt vielfach nichts mehr. Kinderwunsch und Kinderwirklichkeit klaffen auseinander, könnte man sagen. Grund ist sicher vielfach ein idealistisch-überzogene Glückserwartung. Aber auch der Mangel an Frustrationstoleranz. Viele Erwachsene haben das in der eigenen Erziehung nicht »üben« können.

Auf ein entscheidendes Problem hat in diesem Zusammenhang der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg schon vor Jahren hingewiesen: die „objektiv schwieriger gewordenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Leben in einer Partnerschaft oder Familie“. Der berufliche „Erfolg und die Gründung einer Familie schließen sich in unserer Wirtschafts- und Konkurrenzgesellschaft gegenseitig aus, unser Gesellschaftstyp macht aus Lebensläufen Hindernisläufe“. Mit anderen Worten: Es fehlt der Raum für Freiheit, Platz zu schaffen für Lebensentwürfe, die der Erfüllung der berechtigten Sehnsucht dienen. Und: Es fehlen Möglichkeiten, die To-Do-Liste des Lebens mit erkannten Prioriäten zu versehen.

Viele fordern daher heute endlich eine familienorientierte Politik statt einer Familienpolitik, die ihrem Anspruch nicht gerecht wird – und damit auch nicht dem Wert, den Familie hat. Viele, nicht zuletzt katholische Stimmen, fordern seit Jahren, dass Familienpolitik eine Querschnittaufgabe sein muss. Wenn nämlich die Familie, was gerne in Sonntagsreden beschworen wird und vor allem in Wahlkampfzeiten Konjunktur hat, im Mittelpunkt des Interesses steht und als kleinste wie wichtigste Urzelle der Gesellschaft eine unersetzliche Bedeutung hat, dann muss alles im politischen Handeln vor der Folie der Familiengerechtigkeit überprüft werden können. Und müssen. Was nützt, was schadet der Familie – und damit letztlich allen. Was nützt und schadet letztlich Kindern – und damit allen? So sollte gedacht und gehandelt werden. Unsere Politik braucht den selbstverständlichen Familien-Check.

Ökonomisch, aber auch sozial und vor allem: anthropologisch. Entspricht das, was geplant und gefordert wird, dem Menschenbild mit der unantastbaren Würde des einzelnen und seiner Freiheit? Entspricht das, was umgesetzt werden soll, der Persönlichkeitsentfaltung des Kindes, das als Subjekt erkannt werden will? Oder ist diese „kleine“ Person wieder einmal – wortreich verbrämt – zum Objekt der Betreuung degradiert worden?

Längst ist es ein Muss geworden, an entscheidenden Stellen den Klassiker Ernst-Wolfgang Böckenförde zu zitieren mit seiner berühmten Erkenntnis vom Staat und den Voraussetzungen, von denen er lebt. Hier, im Blick auf die Familie, passt dieser Grundsatz ganz sicher, weil in der Familie Leistungen erbracht werden, die niemand anders so erbringen kann. Denn der „freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er nicht selbst garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz der einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots, zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben …“

In viele Köpfe wird aber stattdessen das Diktat gehämmert, Kindern möglichst wenig Mutter, möglichst wenig Familie und möglichst wenig Heimat zu gönnen. Und diese als süßes Gift vermeintlicher Aufklärung dargereichte Speise schafft immer mehr Heimatlosigkeit und mentale Heimatvertriebene. Die Schutzräume der Geborgenheit werden selbst in der sexuellen Entfaltung Kindern mehr und mehr missgönnt, regelrecht weggerissen. Die Gender-Ideologie produziert geistige Flüchtlingsströme ebenso wie dies eine ehrfurchtslose und geschlechterneutralisierte Sexualaufklärung, in der die Schönheit einer verantwortungsbewussten Begabung dem heimwerkermarktähnlichen Beherrschen von Techniken geopfert wird. Kinder und Jugendliche aber wollen mehr als ein plumpes Auseinanderreißen von Liebe und Verantwortung. Sie wollen und suchen Erfüllung, die eben nur im Miteinander von Schöpfung und Schöpfer funktioniert.

Die Bahn wirbt in diesen Tagen mit Ökostrom und lädt dazu ein, den Kindern eine grüne Zukunft zu hinterlassen. Schön. Von der Bahn kann man lernen. Denn wenn die Geleise stimmen und der Strom, kann man ankommen – am richtigen Ziel. Wie wäre es, jetzt einmal zu erkennen, dass es eine Ökologie des Menschen gibt, die zu berücksichtigen Zukunft überhaupt erst einmal möglich macht?

Es versteht sich von selbst, dass die Medien hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen – und eine vielfach geleugnete und dennoch vorhandene Verantwortung haben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland ihre Unzufriedenheit auch deshalb haben, weil Medien und Werbung ihnen eine abstruse Welt vermeintlicher Freiheit und vermeintlicher Schönheit vorgaukeln. Der seit Jahren wachsende Konsum des Fernsehens und des Internets sind nicht zu unterschätzen. Die Vorbildfunktion von Label-Ferngesteuerten und das sexistische wie püppchenhafte Frauenbild in Model-Shows haben verheerende Wirkungen.

Wenn es einen Tag des Kindes gibt, ist das nett. Mehr aber auch nicht. Schöne Reden werden verklingen, wohlgesetzte Worte und Beiträge wie dieser Artikel auch. Und dann kommt der Alltag wieder mit seiner ganzen Wucht der Kindeswohlübersehenden Wirklichkeit und dem Trott diktierter und eingeschlagener Wege. Und dennoch bleibt wahr und wichtig, was viele kluge Mahner und mutige Anwälte des Kindes, angefangen bei Christa Meves, seit Jahren fordern und niemals aufhören dürfen zu fordern: Den Kindern wirklich leben zu schenken. Dazu gehören vor allem Zeit, Zärtlichkeit, Zuneigung und Dasein vor allem der Mutter in den für die Entwicklung so wichtigen und prägenden ersten drei Lebensjahren.

Die Hirnforschung lehrt längst, dass so genanntes altmodisches Denken und Handeln alles andere ist als altmodisch. Im Gegenteil: Wer wirklich etwas für Kinder und damit für die Zukunft tun will, der wiedersetzt sich dem Diktat von Medien und Politik und geht mutig jene Wege, auf denen ein Leben in Fülle entdeckt werden kann. Das ist zugegebenermaßen nicht leicht in Zeiten maximaler Geistverwirrung und minimalen Mutes, der Ökologie des Menschen gerecht werden zu wollen. Aber auch hier gilt: Bei Gott – und mit ihm – ist nichts unmöglich.

Pressemitteilung

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