Lohmann: Mehr Teilnehmer, aber auch mehr Gewalt von Gegendemonstranten

P1330772-1 KopieBerlin (kath.net/idea) Ein gemischtes Fazit des diesjährigen „Marsches für das Leben“ hat der Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht, Martin Lohmann (Foto), gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea gezogen. Einerseits habe man bei der größten Lebensschutzdemonstration Deutschlands am 20. September in Berlin mit rund 5.000 Teilnehmern einen neuen Rekord verzeichnet. Andererseits seien die Gegendemonstranten in diesem Jahr gewalttätiger vorgegangen. „Diejenigen, die für das Leben sind, sind gegen Gewalt und umgekehrt“, sagte Lohmann. „Das zeigt sich Jahr für Jahr aufs Neue.“ Zu Protesten gegen den „Marsch für das Leben“ hatte neben dem Aktionsbündnis „what the fuck“ (Was zur Hölle) auch ein „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“ aufgerufen. Ihm gehören unter anderem der Humanistische Verband Deutschlands an, sowie der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg. Auf den Plakaten der rund 300 Gegendemonstranten standen Parolen wie „Hätt Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“, „Gegen Christus“ oder „Heil Satan“. Dazu skandierten sie „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“ oder „Frauenrecht statt Gottesknecht“. Mehrere Male gelang es den Gegendemonstranten, den Zug kurzzeitig aufzuhalten. Linke Störer entrissen den Teilnehmern des „Marsches für das Leben“ auch ihre weißen Holzkreuze, beschimpften oder bespuckten sie. Lohmann erklärte dazu, es mache ihn traurig, „dass es solche verwirrten jungen Leute gibt“. Sie könnten ihre hasserfüllten Parolen nur deswegen hinausschreien, weil ihre Eltern einmal „Ja“ zum Leben gesagt hätten. Gleichzeitig lobte Lohmann die Arbeit der Polizei, die ihre Sache „sehr gut gemacht“ habe.

Ablehnung von Linken, SPD und Grünen, Unterstützung von Union und AfD

Von den Parteien war der „Marsch für das Leben“ bereits im Vorfeld kontrovers diskutiert worden. Während Linke, SPD und Grüne sich ablehnend geäußert und zum Teil sogar Mittel bereitgestellt hatten, um zu Gegendemonstrationen zu mobilisieren, hatten Union und die „Alternative für Deutschland“ (AfD) überwiegend Unterstützung signalisiert. Einzelne Bundestags- oder Europaabgeordnete hatten an dem Marsch teilgenommen, so etwa Hubert Hüppe (CDU, Unna) oder Beatrix von Storch (AfD, Berlin). Andere Unionsabgeordnete hatten Grußworte geschickt.

Der Chemnitzer Bundestagsabgeordnete Frank Heinrich (CDU) dankte den Teilnehmern für „ein deutliches und mutiges Zeichen gegen das Unrecht der Abtreibung“. Heinrich: „Lassen Sie sich durch Verleumdungen, Stigmatisierungen und politische Gegenkampagnen nicht unterkriegen.“

Der Bundestagsabgeordnete Patrick Sensburg (CDU, Brilon) betonte, dass eine „Kultur des Lebens“ in Deutschland unverzichtbar sei. Viel zu häufig werde das Lebensrecht eines Menschen in unserem Land mit Füßen getreten.

Der Parlamentarier Andreas Schockenhoff (CDU, Ravensburg) ergänzte: Eine Gesellschaft, in der der Staat darüber entscheide oder andere darüber entscheiden lasse, wer leben darf, verliere ihre Menschlichkeit. Evangelische Kirche uneins

Auch die beiden großen Kirchen hatten sich unterschiedlich geäußert. Die römisch-katholische Kirche hatte sich von Anfang an mit den Zielen des Marsches identifiziert. Papst Franziskus, der Vorsitzende der (katholischen) Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx (München), der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück (Traunwalchen/Oberbayern), und zahlreiche katholische Bischöfe hatten Grußworte gesandt.

Dagegen hatte sich die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz vom Marsch distanziert. Die Kirchenleitung hatte Bischof Markus Dröge per Beschluss gebeten, „die inhaltliche Differenz“ zum Veranstalter, dem Bundesverband Lebensrecht, zu verdeutlichen. Der Unterschied bestehe darin, dass die Kirche dafür eintrete, die Gewissensentscheidung einer Frau im Schwangerschaftskonflikt zu achten, hatte Pressesprecher Volker Jastrzembski (Berlin), auf Anfrage von idea erklärt. Auch der EKD-Ratsvorsitzende, Nikolaus Schneider (Berlin), sandte kein Grußwort. Grüße übermittelten dagegen der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank Otfried July (Stuttgart), und der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche, Hans-Jürgen Abromeit (Greifswald).

Foto Martin Lohmann (c) Lohmann Media

Zuerst erschienen auf kath.net am 22. September 2014, 09:40

P1070841-4BVL-Vorsitzender im kath.net-Interview zum Marsch für das Leben: „Wir treten friedlich und mahnend für das Leben ein, für das Lebensrecht eines jeden Menschen, für das grundlegende Menschenrecht auf Leben, für ein Europa des Lebens und der Freiheit“

Köln (kath.net) „Jeder Lebensschützer hat großes Herz mit Liebe zum Menschen, zum Leben eines jeden Menschen“. Dies sagt Martin Lohmann (Foto), Vorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht (BVL). Gegenüber kath.net erläutert er, worum es beim „Marsch für das Leben“ (20. September in Berlin) wirklich geht und lädt „alle Menschen guten Willens“ ein, gemeinsam in Berlin ein „Zeichen für Leben, Freiheit und Toleranz“ zu setzen.

kath.net: Herr Lohmann, seit einigen Jahren führen Sie den jährlichen Marsch für das Leben als Vorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht (BVL) an. In dieser Zeit ist der Marsch bunter und größer geworden. Auch thematisch sind Sie breiter unterwegs. Im vergangenen Jahr waren es mehr als 4500 Teilnehmer. Worum geht es besonders?

Martin Lohmann: Es geht um das Leben und die Freiheit zum Leben. Es geht um Menschenrechte und Sicherheit. Es geht um Respekt und Toleranz. Uns, die wir zum Marsch einladen und zusammen mit so vielen Unterstützern des Lebens friedvoll demonstrieren, geht es um das Werben für eine humane Gesellschaft, in der niemand Angst um sein Leben haben muss. Ganz gleich, wie alt oder jung er ist, wie gesund oder krank, unabhängig von seinen Eigenschaften und Fähigkeiten.

Und es stimmt, dass wir unseren Marsch für das Leben weiterentwickelt haben. Aber der Kern bleibt nach wie vor wichtig: Wir gedenken der weit mehr als 100.000 Kinder, denen in Deutschland Jahr für Jahr durch Abtreibung das Leben genommen wird.

Auch wenn es ein Tabuthema ist: Abtreibung ist Tötung eine Menschen, aus welchen Motiven auch immer. Solange dies so ist, werden wir auf diesen Skandal, der eine schmerzvolle, offene Wunde in unserer Gesellschaft bildet, aufmerksam machen und dem Lebensrecht dieser Menschen eine Stimme geben.

kath.net: Sie plädieren für ein Europa ohne Abtreibung und ohne Euthanasie. Beides ist Ihnen wichtig?

Lohmann: Ja. Unbedingt. Und alle Lebensgefährdungen zwischen dem Anfang und dem natürlichen Ende sind ebenfalls unser Thema.

Es ist leider wahr, dass das Lebensrecht am Anfang und inzwischen auch am Ende sehr gefährdet ist. Und wir stehen deshalb auf gegen das Töten, weil es kein Tötungsrecht gibt, auch und gerade nicht in einer friedlichen und solidarischen Gesellschaft.

Und wir treten unsererseits offen, friedlich und mahnend für das Leben ein, für das Lebensrecht eines jeden Menschen, für das grundlegende Menschenrecht auf Leben. Wir sind also für ein Europa des Lebens und der Freiheit, für eine Gesellschaft, in der es keine Angst vor und keine Flucht von der Verantwortung gibt. Wir befürworten eine tatsächlich glaubwürdige Humanität. Immer. Freiheit und Selbstbestimmung sind sehr wichtig, aber für jeden und niemals um den „Preis“ der Tötung eines anderen Menschen.

Es gibt keine Alternative zum Ja zum Leben. Die Devise muss sein: Helfen statt töten! Wir brauchen sehr viel mehr Hilfsangebote und Solidarität für Menschen in Notsituationen, damit das Ja zum Leben besser gelingen kann.

Niemand soll um sein Leben fürchten müssen – auch nicht diejenigen, die sich nach ihrer Zeugung noch nicht selbst äußern können. Ebenso wenig diejenigen, die sich am Ende ihres Lebens nicht mehr richtig äußern können. Auch unter widrigsten umstehen müssen wir die Würde achten und verteidigen.

kath.net: Aber gerade beim Lebensende gibt es doch viel Leid – in der Argumentation um Sterbehilfe ist es ja gerade das Mitleid, das ins Feld geführt wird.

Lohmann: Ja, das verstehen wir sehr gut. Deshalb müssen wir viel mehr über Hilfen nachdenken und diese ermöglichen. Auch hier sage ich wieder: Helfen statt töten! Auch dadurch helfen, dass wir Schmerzen beseitigen – aber doch nicht Menschen! Menschenwürdig sterben können an der Hand eines Menschen, als Mensch. Aber nicht durch die Hand eines Menschen. Darum geht es.

Wir sind nicht die Herren über Leben und Tod. Wir sind nicht die Eigentümer, sondern die Bewahrer des Lebens.

Der Marsch für das Leben ist daher so etwas wie das Werben für das ganze Leben, und für Freiheit und Liebe. Nicht den Leidenden töten, sondern sein Leid! Die vielen tausend Unterstützer des Lebens, die nach Berlin kommen, setzen ein eindrucksvolles Zeichen für Humanität und Frieden. Ich bin jedem einzelnen, der sich die Mühe macht und kommt, sehr dankbar für dieses wichtige Signal.

Ich wiederhole gerne: Jeder Mensch ist liebens- und lebenswert. Jeder Mensch hat ein vorgegebenes Menschenrecht auf Leben.

Was die Teilnehmer des Lebensmarsches denken, sagen und tun, ist also nichts als letztlich völlig normal.

Sie erinnern daran, dass wir Sicherheit brauchen, dass jeder Mensch immer willkommen ist und Solidarität erfährt. Das ist wirklicher Fortschritt. Dafür stehen wir. Niemand darf zur Lebensgefahr für den Nächsten werden.

kath.net: Im BVL sind verschiedene christliche Lebensgruppen ökumenisch gemeinsam aktiv. Suchen Sie Unterstützer nur unter Christen?

Lohmann: Keineswegs. Alle Menschen guten Willens sind eingeladen, ein Zeugnis für das Leben zu geben. Und die Bewahrung des Lebens ist ja kein Exklusivrecht für Christen. Ich weiß, dass es gelegentlich auch Widerstände gibt. Aber ich verurteile niemanden, der die Botschaft vom Leben nicht oder noch nicht versteht.

Und da sage ich für uns, dass wir in diesem Fall, also gegenüber Hass und Gewalt eine entschiedene Nein-Bewegung sind. Wir lehnen Hass, Gewalt und Psychoterror ab, so wie wir die Tötung von Menschen ablehnen.

Und wir laden alle ein zum demokratischen, anständigen und wertschätzenden Dialog. Alles andere verhindert Humanität.

Auf jeden Fall gilt: Es gibt letztlich viel Bestätigung, wie gut und notwendig der Einsatz für das Leben ist. Alle Menschen guten Willens sind eingeladen, für das Leben zu streiten. Wir müssen Anwälte einer Kultur des Lebens des Respekts sein!

kath.net: Wer wird auf der Kundgebung vor dem Kanzleramt reden?

Lohmann: Betroffene, Experten, Menschen mit konkreter Erfahrung, Zeugen, die wissen, wovon sie reden. Es geht nicht um Vorwürfe oder Anklagen, es geht um Mut zum Leben. Es geht um die Befähigung zum Ja. Zum Ja zur Freiheit in Verantwortung und zum Ja zur Verantwortung in Freiheit.

kath.net: Der BVL hat ja auch konkrete Forderungen. Welche zum Beispiel? Manche behaupten, Sie wollten die Bestrafung von Abtreibungen.

Lohmann: Das gehört zum Baukasten der Verwirrung, den manche nutzen. Und es bleibt wahr, dass das Thema Strafe nicht unser Thema ist. Erstaunlich ist, dass es andere immer wieder aufbringen, vermutlich, weil wir in anderen Bereichen zu Recht Strafe als Hilfe begreifen. Aber bei der Abtreibung? Ich glaube, dass sich manche Frauen und Mütter, aber auch Väter, selbst strafen durch die Tötung eines Kindes.

Also nochmals: Strafe ist nicht unser Thema. Hilfe sehr wohl!

kath.net: Und was fordern Sie konkret?

Lohmann: Zum Beispiel das gesetzliche Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) und neuer genetischer Test (NIPD) zum Zweck der tödlichen Selektion potenziell behinderter Menschen und nach Geschlecht. Es darf keine Menschen erster und zweiter Wahl geben. Jeder Mensch ist erste Wahl!

Zudem müssen die geltenden Abtreibungsgesetze und ihre Praxis einer gründlichen, ehrlichen wie umfassenden Prüfung und Korrektur unterzogen werden. Mit dem flüchtigen Blick auf die offizielle Abtreibungsstatistik wird der Bundesgesetzgeber seiner Beobachtungs- und Korrekturpflicht nicht gerecht. Und ganz wichtig: Die Finanzierung der Abtreibung durch den Staat einzustellen. In Deutschland werden die Kosten für über 90 Prozent aller „beratenen“ Abtreibungen in Höhe von jährlich mehr als 40 Millionen Euro aus den Haushalten der Länder bestritten.

Das bisher für die Finanzierung von Abtreibungen verwendete Geld muss dann als Hilfe zum Leben für Schwangere und Familien zukunftswirksam eingesetzt werden.

kath.net: Und im Blick auf die Sterbehilfe-Diskussion?

Lohmann: Unter anderem dies: Dem drohenden Aufkommen von Sterbehilfe/Euthanasie muss Einhalt geboten werden. Jede Form der aktiven Beihilfe zum Suizid, nicht nur die gewerbsmäßige und organisierte, ist zum Schutz von Kranken strafbar zu stellen.

Niemand darf in eine moralische Zwangslage gebracht werden, sich rechtfertigen zu müssen, warum er leben will.

Es gibt kein menschenwürdiges Töten, es gibt aber ein menschenwürdiges Sterben. Jeder Mensch hat ein Recht auf Begleitung und Hilfe, auch in der Phase seines Sterbens. Deshalb brauchen wir eine menschenwürdige Sterbekultur, wozu die verstärkte Förderung der Palliativmedizin und flächendeckend angebotene Hospize gehören.

kath.net: Ja-Bewegung, Anwälte des Lebens, der Freiheit und der Toleranz – das hört sich gut und positiv an. Warum will man die Lebensschützer denn in eine dunkle Ecke drängen?

Lohmann: Das weiß ich nicht. Vielleicht aus Ratlosigkeit. Oder aus Angst vor Verantwortung und den Konsequenzen der uns geschenkten Freiheit? Oder weil man die braune Keule gebrauchen will, wider Wahrhaftigkeit, Fakten und Fairness? Keine Ahnung.

Es wird viel gelogen, wahrscheinlich aus Angst vor Leben, Aufklärung und Humanität. Denn eigentlich ist das Ja zum Leben ja das Normalste und Natürlichste von der Welt.

Aber ganz ehrlich: Wir lassen uns durch Verleumdungen, die übrigens alle friedvollen Lebensschützer diskriminieren, und durch Intoleranz nicht ablenken. Was wirklich ist, ist schließlich immer stärker als Lügen und Negativpropaganda über unsere notwendige und ehrliche Aufklärungsarbeit.

Wer will, kann sich ein eigenes Bild am Samstag machen und sehen, wer tolerant und friedlich ist und wer nicht.

Sicher ist: Jeder Unterstützer hat großes Herz mit sehr viel Liebe zum Menschen, mit Respekt vor dem Leben und Wert eines jeden Menschen und deswegen drängt uns das Unrecht gegenüber Menschen auf die Straße und in die Öffentlichkeit. Wir bleiben tolerant.

Foto Martin Lohmann (c) Lohmann Media

Zuerst erschienen auf kath.net am 19. September 2014, 09:40

P1070238 Kopie 2Martin Lohmann erhielt eine unverschämte Antwort einer thüringischen Landtagsabgeordeten der Linkspartei. kath.net bat den Lebensrechtler daraufhin um nähere Erläuterungen in einem Interview.

Köln (kath.net) „Ihren antifeministischen, antiemanzipatorischen und konservativen Dreck können Sie gerne behalten! Wir verbitten uns für die Zukunft weitere Mails Ihres Verbandes und hoffen inständig, dass Ihnen das Bündnis gegen den Marsch für das Leben am 20. September ordentlich in die Suppe spuckt.“ Diese Antwort erhielt Martin Lohmann (Foto), Vorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht und Chefredakteur des katholischen Fernsehsenders K-TV, von einer Abgeordneten des Thüringer Landtages auf seine freundliche Einladung zum Marsch für das Leben am 20. Sept. 2014 in Berlin. kath.net hat daraufhin bei dem Theologen nachgefragt.

kath.net: Herr Lohmann, es sind nur noch wenige Tage bis zum zehnten Marsch für das Leben, der sich ja seit Jahren immer größere Zustimmung erfreut und immer mehr Teilnehmer hat. Jetzt haben wir erfahren, dass es auch ausgesprochen unschöne Reaktionen auf Ihre freundlichen Einladungen gibt. Während sogar der Papst Sie unterstützt und sich mit den Teilnehmern verbindet, hat eine Linken-Politikerin per Mail ziemlich unverschämt antworten lassen. Stimmt das?

Martin Lohmann: Ja, leider. Und Ihr Wort von der Unverschämtheit scheint den Kern zu treffen. Denn diese Antwort auf unsere freundlichen Hinweise und Einladungen war in der Tat restlos schamlos.

kath.net: Was ist passiert?

Lohmann: Wir laden bekanntlich alle Menschen guten Willens zum Lebensmarsch ein, und wir informieren unsere Volksvertreter, auch die im Thüringer Landtag. Eine führende Volksvertreterin der Linkspartei hat meinem Mitarbeiter in unserer Berliner Geschäftsstelle daraufhin so antworten lassen:

„Ihren antifeministischen, antiemanzipatorischen und konservativen Dreck können Sie gerne behalten! Wir verbitten uns für die Zukunft weitere Mails Ihres Verbandes und hoffen inständig, dass Ihnen das Bündnis gegen den Marsch für das Leben am 20.September ordentlich in die Suppe spuckt.“

kath.net: Aber das ist ja eigentlich unglaublich, oder?

Lohmann: Es ist unglaublich niveaulos, respektlos und intolerant. Und es ist irgendwie traurig, dass manchen der Anstand und die humane Achtung vor dem Leben und den berechtigten Überzeugungen anderer Menschen offenbar so wahnsinnig schwer fallen. Wer so denkt und redet, verrät eklatante Defizite. Ist so jemand demokratiefähig? Wohl kaum. Und so jemand hält sich gar für regierungsfähig! Da lugt Böses aus solchen Worten einer Politikerin heraus. Hass ist eine Verbrüderung mit dem Bösen, gleichsam die Gefangennahme durch das Böse. Und Hass ist immer böse. Es sei denn, man hasst die Sünde, also das Böse. Ich habe keine Ahnung, was solche Leute wie diese Abgeordnete treibt, so weit nach unten zu rutschen.

kath.net: Sie sagen, es sei wohl im Auftrag einer führenden Linken in Thüringen geschrieben worden. Können Sie uns Näheres sagen?

Lohmann: Es handelt sich um die Antwort auf eine Mail an die Landesvorsitzende der Linkspartei in Thüringen.

kath.net: Was sagt Ihnen so etwas?

Lohmann: Dass wir sehr aufpassen müssen, wer das Volk vertreten kann und wer nicht. Wer so denkt und redet, ist meines Erachtens nicht demokratiefähig und hat kein Interesse an Freiheit und Leben. Wie sollte man so jemandem abnehmen können, wenn er von Toleranz redet und sich gegen Hass ausspricht?! Die Worte, die man uns da gegen jede Regel des Anstands und weit unter Niveau entgegenschleudert, zeugen leider von der Gefangenschaft in Intoleranz und hasserfüllter Verachtung. Und das ist alles andere als gesund.

kath.net: Was wünschen Sie sich für Ihren Marsch?

Lohmann: Ich wünsche und erwarte, dass auch diejenigen, die unsere Überzeugung von der Unantastbarkeit des Lebens nicht teilen, wenigstens Respekt und Toleranz aufbringen. Ich wünsche mir, dass man uns, die wir aus verschiedenen Religionen und aus allen Generationen friedvoll für das Leben in all seinen Phasen werben, nicht mit Gewalt und Hass begegnet. So wie wir Andersdenkende respektieren, so erwarten wir das auch umgekehrt. Wir sind für Argumente offen und für ein Gespräch, Hass und Intoleranz hingegen können wir jedenfalls nicht. Wir sind Demokraten mit dem Anspruch der Toleranz und der wirklichen Humanität.

Foto Martin Lohmann (c) Lohmann Media

Zuerst erschienen auf kath.net am 16. September 2014, 09:40

Martin Lohmann, Vorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht, erhält Schreiben aus dem Vatikan: „Gerne verbindet sich der Heilige Vater mit den Teilnehmern und sendet ihnen herzliche Grüße“

 

 

Bonn/Berlin (kath.net/pm) Besondere Grüße hat der Bundesverband Lebensrecht (BVL) nun aus Rom bekommen. In einem dem BVL-Vorsitzenden Martin Lohmann übermittelten Schreiben teilt Pietro Kardinal Parolin, Staatsekretär Seiner Heiligkeit, mit, dass Papst Franziskus „davon Kenntnis erhalten“ habe, dass der BVL „auch in diesem Jahr einen Marsch für das Leben veranstaltet, um öffentlich für den Schutz des Lebens von seinem Anfang bis zum natürlichen Ende“ einzutreten. Wörtlich heißt es: „Gerne verbindet sich der Heilige Vater mit den Teilnehmern und sendet ihnen herzliche Grüße.“

„Ich gebe diese Grüße sofort an alle Freunde des Lebens weiter, zumal es eine große Freude ist, vom Papst bei diesem so wichtigen Zeugnis Unterstützung zu erfahren“, sagt BVL-Vorsitzender Martin Lohmann. „Franziskus stärkt uns alle und macht uns allen, die wir für ein Ja zum Leben und damit für wahre Humanität werben, richtig Mut“, so Lohmann. Er sei sehr dankbar für die klaren Worte und die Tatsache, dass sich der Papst „mit uns verbindet“.

In dem Schreiben aus dem Vatikan heißt es weiter: „Das Recht auf Leben ist Grundlage der Kultur und des verfassten Gemeinwesens. Jeder Mensch hat eine unverbrüchliche Würde. Er darf nicht zur Wegwerfware werden. Wo Menschen ausgesondert werden, beraubt sich die Gesellschaft der Wurzeln ihrer Existenz. Sie wird zu einem System, in dem alles dem Streben nach Gewinn und Nützlichkeit unterworfen ist und der Mensch als Person keine Rolle mehr spielt. Treten wir als Christen dafür ein, den unantastbaren Wert eines jeden Menschenlebens deutlich zu machen, der unabhängig vom augenblicklichen Nutzen ist. Mit dem Gebetswunsch, dass die Kultur des Lebens auch weiterhin in Deutschland eine Heimat hat, erbittet Papst Franziskus allen Teilnehmern des Marsches für das Leben von Herzen Gottes reichen Segen.“

 

Zuerst erschienen auf kath.net am 15. September 2014, 09:40

Martin Lohmann – auf meiner Facebook-Seite
17. Juni in der Nähe von Bonn · Bearbeitet
Auf katholisches.info erschien ein merkwürdiger Beitrag über mich aus der Feder eines Andreas Becker (wenn es den denn gibt?!), der “natürlich” den journalistischen Grundsatz, wenigstens einmal mit mir, über den er schrieb, Kontakt aufzunehmen, komplett ignorierte. Stattdessen schafft man viel Raum für absurde Verschwörungstheorien und will offenbar die gute und klare Arbeit im Lebensschutz torpedieren. Ob und inwieweit dieser blog seriös ist und wer dahinter steckt, entzieht sich meiner Kenntnis. Wer auch immer das ist und warum da jemand versucht, auf perfide Weise die guten Anliegen des Lebensschutzes als Helfershelfer der Gegner des Lebens zu belasten, ist vielleicht eine Frage des Niveaus, das bekanntlich von manchen auch noch ganz unten unterschritten Weden kann.

Manche verwechseln katholisch auch schon mal mit (eigener) Engstirnigkeit und pathologischer Verdächtigungsphantasie, so dass sie “ideenreich” hinter jedem und allem etwas wittern. Das ist aber nicht mein Niveau. Und für mich bedeutet katholisch nicht die Einladung zur scheuklappenhaften Engstirnigkeit, sondern die Befähigung zur Freiheit in der Verantwortung vor Gott, also zur Weite Jesu Christi.

Mir scheint, manche Superbesserwisser und offenbar erbsündenbefreiten Aburteiler würden selbst einem Paulus und einem Petrus den Glauben und die Glaubwürdigkeit absprechen. Schließlich war de eine mal Anführer einer Mörderbande, die den heiligen Stephans auf dem Gewissen hat, und der andere hat in der entscheidenden Stunde den Herrn verleugnet – was, oh Schreck, uns sogar frank und frei im Evangelium berichtet wird. Ganz zu schweigen vom früheren Lotterleben des späteren heiligen Augustinus.

Ganz ehrlich: solche selbstgerechten Supertypen, denen das Wort Barmherzigkeit nicht einmal theoretisch bekannt zu sein scheint, wecken Skepsis in mir – und Mitleid. Vielleicht haben sie etwas zu verbergen und trauen sich selbst die Güte und die Barmherzigkeit nicht zu, zu der Gott immer wieder einlädt – wie eben auch zur Umkehr. Gott sei Dank. Und DAS ist katholisch!

Zur Information:
Ich schrieb an katholisches.info:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

bitte teilen Sie mir die Kontaktdaten des Autors Andreas Becker mit,
der über mich einen merkwürdigen Artikel bei Ihnen veröffentlicht
hat, ohne der journalistischen Sorgfaltspflicht zu genügen. Es gab
keinen einzigen Kontaktversuch dieses “Journalisten” zu mir. Eine
Einholung auch nur einer Stellungnahme meinerseits fand nicht einmal
als Versuch statt. Der Beitrag, den Ihnen Herr Becker geschrieben hat,
ist möglicherweise als Rufschädigung oder Verleumdung gedacht
gewesen.

Ich bitte um entsprechende Informationen / Kontaktdaten des Autors.
Andernfalls müsste jegliche Seriosität wohl zumindest angezweifelt
werden.“

Daraufhin: Die Kontaktdaten wurden mir nicht mitgeteilt. Stattdessen schrieb ein Herr Nardi:

„Sehr geehrter Herr Lohmann,

die Herausgeberschaft hat mir Ihre Mail weitergeleitet. Was mein Kollege Andreas Becker etwas pointiert formulierte, ist eine berechtigte Anfrage – wie zahlreiche, bei der Redaktion eingehende Reaktionen belegen -, wie der Marsch für das Leben künftig ausgerichtet sein soll. Da Herr Becker mir gegenüber bestätigte, Sie für den Artikel nicht kontaktiert zu haben, sind wir gerne bereit eine Stellungnahme von Ihnen zu veröffentlichen. Darin können Sie die Gründe für die umstrittene Einladung zur Teilnahme am “Marsch für das Leben” darlegen, die nicht an alle Menschen guten Willens, sondern ausdrücklich an den Verein Donum Vitae gerichtet ist. Ein Verein, der im expliziten Ungehorsam zur Katholischen Kirche entstanden ist und der laut Eigenangabe allein im Jahr 2010, “16.000 Konfliktberatungen (nach StGB § 219)” durchführte, an deren Ende die Ausstellung der “Bescheinigung nach Maßgabe des Schwangerschaftskonfliktgesetzes” steht, im Klartext die Lizenz zum straffreien Töten. Allein der Donum Vitae Regionalverband Hohenzollern e.V. gibt in seinem Jahresbericht 2013 an, 159 Beratungsscheine ausgestellt zu haben, “von sechs Frauen, die den Beratungsnachweis mitgenommen haben, wissen wir, dass sie sich für das Austragen ihres Kindes entschieden haben”. Den Umkehrschluß mit seiner dramatischen Tötungsbilanz überlasse ich gerne Ihnen.
Sie werden zugeben, daß Sie sich in zweifelhafte Gesellschaft begeben wollen. Noch zweifelhafter erscheint das, vielleicht im dialektischen Überschwang gutgemeinte, aber bedenkliche Zahlenspiel von Frau Kuby, daß es zwischen Donum Vitae und Lebensschützern eine 90prozentige Übereinstimmung gebe. Letztlich entscheidend sind nicht die 90 Prozent schöner Worte und guter Absichten, sondern die trennenden zehn Prozent, denn diese entscheiden knallhart über Leben und Tod eines Kindes.
Die Frage steht im Raum, was Sie sich von der Einladung an diesen Verein erwarten. Wer hinter Donum Vitae steht, ist bekannt. Daher die berechtigte Frage, ob hier indirekt jenen dahinterstehenden Kreisen in Politik, Kirche und Gesellschaft die Hand gereicht werden soll. Welchen Unterschied macht es, ob eine abtreibungsentschlossene Frau mit dem Schein von Pro Familia oder dem Schein von Donum Vitae ihr ungeborenes Kind töten läßt? Daß Donum vitae immer wieder mit dem Abtreibungslobbyisten Pro Familia zusammenarbeitete, dürfte Ihnen ja bekannt sein.

In Erwartung Ihrer Stellungnahme verbleibe ich mit besten Grüßen
Ihr Giuseppe Nardi“

Daraufhin schrieb ich:

„Sehr geehrter Herr Nardi,

ich bin ein wenig verwundert, dass Sie mir schreiben, nachdem doch ein Herr Andreas Becker seinen merkwürdigen Artikel über mich geschrieben hat. Könnten Sie mir bitte die Kontaktdaten des Autors zukommen lassen? Darum hatte ich ja – eigentlich nicht misszuverstehen – in meiner Mail gebeten.

Ich gehe doch davon aus, dass er sich einem Gespräch nicht verweigert. Ich bin jedenfalls zu einem persönlichen Gespräch mit Herrn Becker bereit.

Mit freundlichen Grüßen

Martin Lohmann“

Eine Antwort steht aus.

Das süße Gift des Relativismus ist tiefer eingedrungen als vermutet. Wer genau hinschaut, muss erkennen: Es herrschen perfide Wahrheitsphobie und Intoleranz im Namen einer entleerten Aufklärung und einer missbrauchten Gleichberechtigung. Auch Christen sind vom mentalen Anti-Immun-Virus infiziert. Ein Zwischenruf wider die moderne Christenverfolgung und die Zerstörung des christlichen Menschenbildes.

Den ganzen Artikel als pdf lesen.

Der Artikel ist im VATICAN magazin 8-9/2013 erschienen.

Kindern Leben schenken

Heute ist der Weltkindertag: Ein Grund, sich mit den Heranwachsenden zu freuen, aber auch ein Anlass, sich noch mehr für sie einzusetzen.

Von Martin Lohmann

Man könnte sie beneiden – die Kinder, die heute in der Mitte Europas aufwachsen. Man könnte. Denn sie haben eigentlich alles: Frieden, Klamotten, Freizeit- und Reisemöglichkeiten, von denen Eltern und Großeltern nur träumen konnten, soziale Netzwerke, mit denen sie überall und schnell dabei sein können, leistungsfähige Kommunikationswerkzeuge, Musik zum Mitnehmen, Aufmerksamkeit, Freiheiten und Betreuung. Eigentlich geht es ihnen nur gut. Eigentlich. Denn der schöne Schein hat Flecken. Hässliche Flecken, die das glitzernde Scheinbild ganz schön beschädigen – und es bei genauerem Hinsehen als gar nicht so wundervoll entlarven. Am Tag des Kindes, wo es wieder garantiert schöne und schwungvolle Reden geben wird und sich so mancher Politiker geradezu überschlägt mit netten Versprechungen, die sich meist als kecke Versprecher entpuppen, könnte man ja mal einen unbestechlichen Blick wagen – auf das, was wirklich ist. Und auf das, was wirklich sein sollte. Vorsicht: „politisch korrekt“ ist so etwas nicht. Korrekt aber schon.

Durch eine neuerliche Studie der UNICEF wissen wir, dass es den Kindern zwar oberflächlich gesehen ganz gut geht. Aber sie sind vor allem in Deutschland reichlich unglücklich. Und das, obwohl sich zeigt, dass vieles besser ist als früher. Zum Beispiel, dass die Jugendarbeitslosigkeit im internationalen Vergleich niedrig ist. Allein ein Blick Richtung Spanien macht das deutlich. Es gibt auch für junge Menschen mehr Friedlichkeit als anderswo, also weniger Verwicklung in körperliche Auseinandersetzungen. Und weniger geraucht wird ohnehin von Kindern und Jugendlichen als einst und woanders. Das Bildungssystem lässt sich loben und zeigt, dass man aus den PISA-Pannen vergangener Zeiten gelernt zu haben scheint.

Und doch: Sie fühlen sich nicht wohl, viele Kinder sehen sich unter Druck gesetzt, sind eben nicht so glücklich, wie sie eigentlich sein könnten – oder sollen. „Zahlen gut, alles gut also? Lässt sich das Wohlbefinden von Mädchen und Jungen wirklich daran festmachen, wie gut ihr kluger Kopf mit Rechenaufgaben umgeht und wie sehr sie dem Leistungsdruck der jüngeren Erwachsenenjahre, pardon: der Kindheit, standhalten?“ So fragte eine deutsche Tageszeitung. Zu Recht. Denn es scheint noch mehr zu geben als formale Kriterien, was zu einem wirklich belastbaren Kindeswohl gehört. Da klafft eine Lücke zwischen den „objektiven“ Zahlen, wonach es Kinder in Deutschland gut haben im Blick auf materielle Armut, Gesundheit, Bildung und Umwelt, und dem subjektiven Empfinden derselben Kinder, die im Vergleich zu Kindern in anderen Ländern überraschend unglücklich sind. Hier ist Platz 22 – von vorhandenen 29 Plätzen insgesamt – alles andere als ein Erfolg. Als kinderfreundlich empfinden viele Kinder unsere deutsche Gesellschaft jedenfalls nicht.

Ist sie auch nicht wirklich. Denn in ihr ist vieles verplant, in ihr wird nicht wirklich vornehmlich vom Kindeswohl aus gedacht, wird eher ein kleiner Mensch zum Objekt der Betreuung degradiert denn als Subjekt der Persönlichkeitsentfaltung erkannt. Glück, wonach sich vor allem Kinder sehnen, lässt sich nicht einmal in Schulnoten ablesen. Glück will mehr als staatliche Planung und parteipolitische Verplanung. Glück will keine ideologische Konzeption und Neudefinition des Menschen als Gender-Masse. Glück will nicht den Menschen als Einheit aus Körper, Geist und Seele verkürzt wissen auf möglichst passgenaue Bausteine im Mentallabor des neuen Turmbaus zu Babylon. Glück will vielmehr: Seele, Zeit, Entfaltung, Anerkennung, Wertschätzung, Zufriedenheit, Zutrauen, Verlässlichkeit, Treue und Angenommensein. Glück braucht den Raum echter Humanität. Glück braucht das erlebte Empfinden einer Wahrheit wie: Es ist gut, dass du da bist. Und: Ich bin gerne für dich da.

Glück braucht die Ahnung der Wirklichkeit, die sich nicht nur für Kinder erschließt in der erfahrbaren Erkenntnis: Ich bin geliebt um meiner selbst willen. Weil es mich gibt. Weil ich gewollt bin. Weil ich zu Großem berufen bin. Weil ich eine Persönlichkeit bin. „Es wird immer etwas geben, das dringlicher erscheint als der Schutz des kindlichen Wohlbefindens. Aber es wird nie etwas Wichtigeres geben.“ Das sagt knapp und klar der Autor der UNICEF-Untersuchung. Wohl wahr. Punkt.

Wenn es stimmt, was Neil Postman einmal sagte, nämlich dass Kinder „die lebenden Botschaften, die wir einer Zeit übermitteln, an der wir selbst nicht mehr teilhaben werden“ sind, dann stellt sich die Frage, warum wir so wenig dafür tun, diese „Botschaften“ zu polieren, in sie zu investieren. Man kann sich nach wie vor des Eindrucks nicht erwehren, dass Kinder letztlich eher als Minder- denn als Mehrwert verstanden werden. Und von einer Familienpolitik, die Maß nimmt am Kindeswohl, kann man auch nach Jahren entsprechender Diskussion nur träumen. Denn diese so genannte Familienpolitik nimmt nach wie vor zuallererst Maß an der Wirtschaft und ordnet sich bei ehrlicher Betrachtung dem Diktat der Industrie mehr oder weniger willenlos unter. Der Anspruch der Menschlichkeit hat da nur einen störenden Charakter.

Wir erinnern uns: Gerade jungen Menschen ist Familie nach wie vor viel wert. Untersuchungen zeigen seit Jahren, dass die Sehnsüchte der jungen Menschen stets dieselben bleiben – und stets von der Politik übersehen werden. Ehe und Familie gehören zu diesen Sehnsüchten ebenso wie Treue und erfüllte Liebe. Doch später, wenn es darum geht, die eigenen Lebensplanungen und Lebenswünsche ins konkrete Leben umzusetzen, klappt vielfach nichts mehr. Kinderwunsch und Kinderwirklichkeit klaffen auseinander, könnte man sagen. Grund ist sicher vielfach ein idealistisch-überzogene Glückserwartung. Aber auch der Mangel an Frustrationstoleranz. Viele Erwachsene haben das in der eigenen Erziehung nicht »üben« können.

Auf ein entscheidendes Problem hat in diesem Zusammenhang der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg schon vor Jahren hingewiesen: die „objektiv schwieriger gewordenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Leben in einer Partnerschaft oder Familie“. Der berufliche „Erfolg und die Gründung einer Familie schließen sich in unserer Wirtschafts- und Konkurrenzgesellschaft gegenseitig aus, unser Gesellschaftstyp macht aus Lebensläufen Hindernisläufe“. Mit anderen Worten: Es fehlt der Raum für Freiheit, Platz zu schaffen für Lebensentwürfe, die der Erfüllung der berechtigten Sehnsucht dienen. Und: Es fehlen Möglichkeiten, die To-Do-Liste des Lebens mit erkannten Prioriäten zu versehen.

Viele fordern daher heute endlich eine familienorientierte Politik statt einer Familienpolitik, die ihrem Anspruch nicht gerecht wird – und damit auch nicht dem Wert, den Familie hat. Viele, nicht zuletzt katholische Stimmen, fordern seit Jahren, dass Familienpolitik eine Querschnittaufgabe sein muss. Wenn nämlich die Familie, was gerne in Sonntagsreden beschworen wird und vor allem in Wahlkampfzeiten Konjunktur hat, im Mittelpunkt des Interesses steht und als kleinste wie wichtigste Urzelle der Gesellschaft eine unersetzliche Bedeutung hat, dann muss alles im politischen Handeln vor der Folie der Familiengerechtigkeit überprüft werden können. Und müssen. Was nützt, was schadet der Familie – und damit letztlich allen. Was nützt und schadet letztlich Kindern – und damit allen? So sollte gedacht und gehandelt werden. Unsere Politik braucht den selbstverständlichen Familien-Check.

Ökonomisch, aber auch sozial und vor allem: anthropologisch. Entspricht das, was geplant und gefordert wird, dem Menschenbild mit der unantastbaren Würde des einzelnen und seiner Freiheit? Entspricht das, was umgesetzt werden soll, der Persönlichkeitsentfaltung des Kindes, das als Subjekt erkannt werden will? Oder ist diese „kleine“ Person wieder einmal – wortreich verbrämt – zum Objekt der Betreuung degradiert worden?

Längst ist es ein Muss geworden, an entscheidenden Stellen den Klassiker Ernst-Wolfgang Böckenförde zu zitieren mit seiner berühmten Erkenntnis vom Staat und den Voraussetzungen, von denen er lebt. Hier, im Blick auf die Familie, passt dieser Grundsatz ganz sicher, weil in der Familie Leistungen erbracht werden, die niemand anders so erbringen kann. Denn der „freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er nicht selbst garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz der einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots, zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben …“

In viele Köpfe wird aber stattdessen das Diktat gehämmert, Kindern möglichst wenig Mutter, möglichst wenig Familie und möglichst wenig Heimat zu gönnen. Und diese als süßes Gift vermeintlicher Aufklärung dargereichte Speise schafft immer mehr Heimatlosigkeit und mentale Heimatvertriebene. Die Schutzräume der Geborgenheit werden selbst in der sexuellen Entfaltung Kindern mehr und mehr missgönnt, regelrecht weggerissen. Die Gender-Ideologie produziert geistige Flüchtlingsströme ebenso wie dies eine ehrfurchtslose und geschlechterneutralisierte Sexualaufklärung, in der die Schönheit einer verantwortungsbewussten Begabung dem heimwerkermarktähnlichen Beherrschen von Techniken geopfert wird. Kinder und Jugendliche aber wollen mehr als ein plumpes Auseinanderreißen von Liebe und Verantwortung. Sie wollen und suchen Erfüllung, die eben nur im Miteinander von Schöpfung und Schöpfer funktioniert.

Die Bahn wirbt in diesen Tagen mit Ökostrom und lädt dazu ein, den Kindern eine grüne Zukunft zu hinterlassen. Schön. Von der Bahn kann man lernen. Denn wenn die Geleise stimmen und der Strom, kann man ankommen – am richtigen Ziel. Wie wäre es, jetzt einmal zu erkennen, dass es eine Ökologie des Menschen gibt, die zu berücksichtigen Zukunft überhaupt erst einmal möglich macht?

Es versteht sich von selbst, dass die Medien hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen – und eine vielfach geleugnete und dennoch vorhandene Verantwortung haben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland ihre Unzufriedenheit auch deshalb haben, weil Medien und Werbung ihnen eine abstruse Welt vermeintlicher Freiheit und vermeintlicher Schönheit vorgaukeln. Der seit Jahren wachsende Konsum des Fernsehens und des Internets sind nicht zu unterschätzen. Die Vorbildfunktion von Label-Ferngesteuerten und das sexistische wie püppchenhafte Frauenbild in Model-Shows haben verheerende Wirkungen.

Wenn es einen Tag des Kindes gibt, ist das nett. Mehr aber auch nicht. Schöne Reden werden verklingen, wohlgesetzte Worte und Beiträge wie dieser Artikel auch. Und dann kommt der Alltag wieder mit seiner ganzen Wucht der Kindeswohlübersehenden Wirklichkeit und dem Trott diktierter und eingeschlagener Wege. Und dennoch bleibt wahr und wichtig, was viele kluge Mahner und mutige Anwälte des Kindes, angefangen bei Christa Meves, seit Jahren fordern und niemals aufhören dürfen zu fordern: Den Kindern wirklich leben zu schenken. Dazu gehören vor allem Zeit, Zärtlichkeit, Zuneigung und Dasein vor allem der Mutter in den für die Entwicklung so wichtigen und prägenden ersten drei Lebensjahren.

Die Hirnforschung lehrt längst, dass so genanntes altmodisches Denken und Handeln alles andere ist als altmodisch. Im Gegenteil: Wer wirklich etwas für Kinder und damit für die Zukunft tun will, der wiedersetzt sich dem Diktat von Medien und Politik und geht mutig jene Wege, auf denen ein Leben in Fülle entdeckt werden kann. Das ist zugegebenermaßen nicht leicht in Zeiten maximaler Geistverwirrung und minimalen Mutes, der Ökologie des Menschen gerecht werden zu wollen. Aber auch hier gilt: Bei Gott – und mit ihm – ist nichts unmöglich.

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